Menabuscho

Menabuscho - Bildnachweis: Werner Härter

Menabuscho konnte zu allen Tieren sprechen, zu allen Vögeln, Fischen, Winden und Bäumen. Er wusste alles, was auf der Erde vorging aber vom Himmel wusste er gar nichts, denn dieser war ihm zu hoch und die Geister, die er deshalb befrage, wussten ebenfalls nichts davon zu berichten. Da sah er einstens einen von den Adlern, die nur von toten Menschen leben und die ehemals sehr groß waren. Er rief ihn, doch der Adler wollte nicht herabkommen, musste aber doch zuletzt. Dann musste er Menabuscho auf seine Flügel nehmen und ihn in die Höhe tragen. Doch bald wurden seine Flügel matt und als ihn Menabuscho mit aller Gewalt zum Weiterfliegen antrieb, drehte er sich plötzlich um und ließ ihn fallen. Unterwegs flehte Menabuscho den Großen Geist um Hilfe an und dieser ließ ihn in einen hohlen, mit weichem Moose gepolsterten Baumstamm fallen, in dem er jedoch so wenig Raum hatte, dass er weder Füße noch Hände bewegen konnte. Nach geraumer Zeit kam ein junges Mädchen und fing an, den Baum umzuhauen, sah aber dabei Menabuscho´s Haar heraushängen, das sie für das Fell eines Bären hielt und lief nun mit dem Geschrei: „Ein Bär! Ein Bär!“ wieder in ihr Dorf zurück. – Danach kamen die Leute und halfen ihm heraus.

Kurz darauf sah Menabuscho eine Herde Damhirsche und gab dem Führer derselben den Wunsch zu erkennen, dass er auch gern ein solches Tier sein möchte. Er musste sich ausziehen und hinlegen. Er schlief ein und hatte einen grässlichen Traum und als er erwachte, war er – ein Damhirsch. Aber es dauerte nicht lange, da hatten ihn die Indianer gefangen und geschlachtet. Aus einem in das Gras gefallenen Blutstropfen, der seine Seele enthielt, bildete sich jedoch bald wieder ein neuer Körper und Menabuscho lief als Damhirsch wieder fort. Aber er kam während des ganzen Winters nicht zur Ruhe und als das Frühjahr herannahte, da war er tot müde und legte sich nieder, um zu sterben. Doch er starb nicht, obgleich sein Fleisch tot war. Er stellte sich überhaupt nur tot , um jenen großen Vogel zu fangen, der ihn einst in der Nähe des Himmels hatte fallen lassen.

Zuerst kam die Krähe, die zu jener Zeit ein solch gefährlicher Vogel war, dass sich kein anderer Vogel in ihrer Nähe blicken ließ. Aber der tote Körper muss ihr doch verdächtig vorgekommen sein, denn sie fraß nicht davon. Bald danach verkündete ein donnerähnliches Flügelrauschen die Ankunft des erwünschten Adlers. Dieser fing denn auch gleich an, Menabuscho das Fleisch von den Knochen zu reißen und sein Fett gierig zu verschlingen. Nun steckte Menabuscho langsam seine rechte Hand durch die Brust und fielt den Adler am Schnabel fest und frage ihn, warum er ihn einst habe verderben wollen. Doch der Vogel antwortete nicht und schlug mit seinen Flügeln so wild um sich, dass er bald keine Federn mehr daran hatte, seit welcher Zeit denn auch seine Nachkommen bedeutend kleiner geworden sind, kahle Köpfe und kurze Flügel haben.

Menabuscho hielt ihn so zwei Tage lang fest und ließ ihn erst, nachdem er erklärt hatte, dass es ihm unmöglich gewesen sei, höher zu fliegen, wieder frei.

Danach sah Menabuscho eine Herde Wölfe, die der Spur eines Rehs folgten. Er ging mit ihnen und als die Wölfe das Reh gefangen hatten und fressen wollten, müsste er die Augen zumachen. Da er jedoch, von der Neugierde geplagt, einmal eines heimlich öffnete, flog ihm ein Knochen hinein. Dafür rächte er sich nun am andern Tage, indem er einem alten Wolfe den größten Knochen, den er finden konnte, an den Kopf warf, wodurch er ihn beinahe tötete.

Darauf verließen ihn die Wölfe, mit Ausnahme des jüngsten, der bei ihm blieb und das Fleisch für ihn herbeischaffte. Menabuscho fing dann an, Ahornzucker zu kaufen. Nun geschah es eines Tages, dass sein Gefährte beim Baden von einer großen Wasserschlange in die Tiefe gezogen wurde. Menabuscho färbte sich schwarz und aß nichts und trank nichts vor Betrübnis.

Da er nun gern ausfinden wollte, wo sich jene große Wasserschlange sonnte, so schickte er den Tauchervogel in die Tiefe, der ihm dann die Mitteilung machte, dass sie jeden Tag auf der Manitu-Insel ihr regelmäßiges Mittagsschläfchen halte. – Gleich fuhr er mit seinem Zauberkanoe hin und verwandelte sich in einen Baumstamm. Es dauerte nicht lange, so erschienen mehrere Schlangen; da sie aber nie vorher einen Baumstamm auf ihrer Insel gesehen hatten, so fürchteten sie sich, ans Ufer zu gehen. Einige davon meinten sogar, das sei Menabuscho. Endlich wurde denn eine Schlange ans Land geschickt, die hatte einen Bärenkopf und fing an, den Baumstamm mit aller Macht zu benagen und als Menabuscho vor Schmerz laut aufschreien wollte, sagte sie: „Das kann Menabuscho nicht sein; der könnte das nicht aushalten!“ Danach kam eine andere Schlange, die wand sich so fest um ihn, wie sie nur konnte und gerade, als er wieder lauf aufschreien wollte, lies sie nach und sagte: „Das kann Menabuscho nicht sein!“ Darauf kamen denn alle Schlangen mit ihrem Könige ans Land und sonnten sich. Nun betete Menabusch leise zur Sonne und die schien sie mit ihren kurzen Zauberstrahlen in tiefen Schlaf. Darauf griff er zu seinem Bogen, schoss dem Schlangenkönig zwei Pfeile in den Kopf und lief fort.

Nun war da eine alte böse Frau, welche auch zu den Schlangengeistern gehörte, die suchte nach Menabuscho und fand ihn auch. Aber er gab sich nicht zu erkennen und musste ihr ein großes Seil von Bastholz machen helfen, welches um die ganze Erde gezogen werden sollte, um auszufinden, wann jener Bösewicht durchlaufe. Überall sollten die Geister Wache halten. Aber Menabuscho tötete die Frau bei der Arbeit, zog ihr die Haut ab, steckte sich hinein und machte das Seil allein fertig. Als er seine Arbeit beendet hatte, ging er zurück zum tot kranken Schlangenkönig und heulte seine medizinischen Gesänge. Doch jener fühlte sich dadurch noch schlechter und sagte: „Nokomis, Eure Gesänge helfen nicht, ich glaube, Ihr singt falsch!“

Menabuscho gab vor, einen Knochen im Halse zu haben und tat, als weinte er deshalb.

Als nun die Kunde in das Dorf gedrungen war, dass das große Seil fertig sei, stellte die Medizinfrau jeden an seinen Posten und behielt nur zwei Jungen zur Bedienung des Schlangenkönigs zurück. – Danach warf Menabuscho seine Maske ab, tötete erst den König, steckte dann jedem der beiden Knaben ein großes Stück Fett in den Mund und stellte sie vor die Tür und sagte, dass, wenn die Leute kämen, um sich nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen, sie sagen sollten, das Menabuscho dagewesen sei und ihn erschlagen habe und dass sie nun sein Fett äßen.

Dann zog er an dem Seile und floh über die Berge. Doch die Verfolger fanden ihn bald in seiner Höhle und da sie ihn nicht herausholen konnten, so ließen sie eine große Wasserflut kommen, welche die ganze Erde überschwemmte. Menabuscho floh von Berg zu Berg, von Baum zu Baum, aber das Wasser kam ihm immer nach. „Wachse!“ rief er dem letzten Baume zu und er tat´s. Er wuchs sogar zum zweiten und dritten Male, aber eben so schnell folgte ihm das Wasser. Nun ließ Menabuscho den Biber untertauchen, um Erde heraufzuholen, aber er kam tot zurück; dann schickte er die Moschusratte in die Tiefe, aber auch sie büßte ihr Leben ein. Doch Menabuscho fand in ihren Füßen einige Körner, die nahm er in seine Hand, schloss seine Augen und flehte den Großen Geist an, seinen Geschöpfen doch wieder einen Platz zu geben, wo sie sich ausruhen könnten. Dabei blies er jene Körper beständig an und als seine Augen öffnete, stand wieder eine neue Erde vor ihm und die Tiere waren wieder lebendig. Die Biber gruben dann einen großen Kanal, damit das Wasser abfließen konnte, wodurch die Erde wieder so bewohnbar ward wie früher.

Quelle: Aus dem Wigwam, Neue Märchen und Sagen der Nordamerikanischen Indianer, gesammelt von Kurt Knortz, Verlag von Otto Spamer, 1880